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Interview mit Stammapostel i.R. Richard Fehr

Im Anschluss an seine Lesung aus seinem Buch „Erinnerungen“ in der Kirche Karlsruhe-Mitte am 20. November 2007. Die Fragen stellte: Matthias Walther, Karlsruhe


1. Fragen zu dem Buch „Erinnerungen“

Frage: Welche Motivation  hatten Sie, Ihre Erinnerungen zu schreiben?
Stammapostel i.R.: Ich war schon immer eine Leseratte und habe in einem Raum in meiner Wohnung einige hundert broschierte Bücher (die Klassiker dagegen stehen in der Wohnstube). In diesem Raum stehen auch Videokassetten und DVDs von Gottesdiensten, und dort wollte ich nun etwas aufräumen. Und da sah ich vor einem Jahr aus meiner aktiven Stammapostelzeit 18 dicke Tisch-Agenden: Ja, und beim Durchblättern sah dieses und jenes Stichwort – und beim Lesen eines solchen Stichwortes kommt mir wieder eine Story in den Sinn. Ich entschied mich, das Wesentliche aufzuschreiben – gleichzeitig als gute Übung mit meinem neuen Computer – , solange ich noch alles in Erinnerung habe. Zehn oder fünfzehn Jahre später weiß ich es vielleicht gar nicht mehr.

 
Frage: Konnten Sie dabei auf schriftliche Aufzeichnungen zurückgreifen?
Stammapostel i.R.: Ich hatte nie im Sinn, ein Buch zu schreiben! Tagebuch führte ich leider nie, also musste ich alles aus dem Gedächtnis aufschreiben. Vielleicht ist es ein Glück, dass ich kein Tagebuch geschrieben habe, sonst gäbe es 1000 Seiten – und dann wird es doch langweilig, nicht wahr? Ich griff mitunter auf die Gottesdienstberichte aus der Zeitschrift „Unsere Familie“ zurück oder blätterte in den Büchern, die es zu jedem meiner Amtsjahre gab. Ich weiß, dass viele schöne „Rosinen des Kuchens“ weg sind, da ich alles aus der Erinnerung schrieb.


Frage: Wann haben Sie den Entschluss zu diesem Buch gefasst?
Stammapostel i.R.: Während meiner aktiven Zeit habe ich, wie erwähnt, nie daran gedacht, auch im ersten Jahr meines Ruhestandes nicht. Ich wollte es allenfalls für mich, aber dann kam ich mit dem Verlag Friedrich Bischoff ins Gespräch. Der zeigte Interesse daran. Also ergänzte ich meine Aufzeichnungen um die Zeit vom Unterdiakon zum Bezirksapostel sowie vom ersten Schrei bis zur Heirat. Beim Entrümpeln ist also dieses Buch entstanden.

 
 

2. Fragen zur Tätigkeit als Stammapostel

Frage: Sie haben in Ihrer aktiven Zeit als Stammapostel eine Vielzahl von Reformen und theologischen Neubewertungen angestoßen und umgesetzt. Welche lagen Ihnen dabei besonders am Herzen?
Stammapostel i.R.: Das ist natürlich eine lange Liste!
Ich habe noch erlebt, wie mein alter Vorsteher predigte: „Wer nicht lückenlos drei Gottesdienste in der Woche auskauft,hat keinen Teil am Tag des Herrn!“ Und als ich ein bisschen über Winterthur, wo ich wohnte, hinaussah, bemerkte ich, dass etwa 95 Prozent aller Geschwister gar keinen zweiten Gottesdienst am Sonntag hatten. Und die sollten alle nicht am Tag des Herrn dabei sein?! Als ich schließlich ins Stammapostelamt kam,war es ein Wunsch von mir, überall eine einheitliche Regelung zu treffen. Der zweite Sonntagsgottesdienst war zu viel. Dafür wollte ich den Wochengottesdienst mit Abendmahl aufwerten. Allerdings dauerte es von meinem ersten Gedanken bis zur Realisierung zehn Jahre.

Selbstverständlich war mir die Einheit in der Kirche ein wichtiges Anliegen, damit die amerikanischen Apostel die europäischen besser verstehen und umgekehrt. Ich sagte zu den Aposteln: „Macht keine ‚Kirchturmpolitik’, lernt globales Denken!“ Deshalb führte ich die Bezirksapostelversammlungen (BAV) in der ganzen Welt durch. Es gab BAV in allen fünf Erdteilen und in Europa selbst in verschiedensten Ländern, um den Blick der führenden Männer Gottes zu weiten. Von den Kritikern musste ich dann hören: „Die reisen in der ganzen Welt herum und verschleudern unsere Opfer!“ – Nein, das globale Denken wollte ich fördern!

Dann lag mir sehr am Herzen, die „neuapostolische Geographie“ zu ändern: Kleinstbezirke größer machen, Großbezirke kleiner machen. Das ist ein Prozess, der immer noch im Gang ist; man denke etwa an die neuesten Veränderungen in Tansania.

Außerdem wollte ich eine Öffnung der Kirche nach außen durchführen, jedoch unsere Identität erhalten.

Und ein neues Gesangbuch sollte entstehen: Das alte war schön, insbesondere die Melodien, aber die Texte waren veraltet. Da las und sang man von Hölle, Tod und Grab, von den Ränken Satans etc. Diese Sprache ist heute einfach veraltet und wird wohl von Gästen, aber auch von unserer Jugend nicht mehr verstanden.

Lehrwerke ließ ich neu gestalten. – Ich hob die Wichtigkeitdes Bischofsamtes hervor und setzte 535 Bischöfe ein. Es gab ja Bezirke, die hatten gar keine Bischöfe. – Die Übersetzung der Lutherbibel in der Fassung von 1984 führte ich ein und ein Dutzend andere Dinge.


Frage: Gab es auch Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Themen?
Stammapostel i.R.: (lächelt) Ein bisschen!


Frage: Wie sind Sie damit umgegangen?
Stammapostel i.R.: Mit der „Salami-Taktik“: Scheibchenweise!

 

 

3. Fragen zur Zeit des Ruhestandes

Frage: Ihr Wechsel von Ihrer aktiven Amtstätigkeit in den Ruhestand vollzog sich recht rasch.
Stammapostel i.R.: Es war der erste Übergang von einem Stammapostel zumnächsten, den zwei Millionen Menschen am Bildschirm mitverfolgen konnten. Vorher gab es immer Todesfälle oder geheime Wahlen. Das ist ja auch noch ein Punkt, der zu den Veränderungen während meiner Amtszeit als Stammapostel gehört: die Änderung der Statuten der Neuapostolischen Kirche International (NAKI). Der Stammapostel wird nicht mehr gewählt, sondern vom amtierenden Stammapostel ernannt. Wenn das nicht möglich ist, dann wählen ihn die Bezirksapostel. Man bringt doch heute nicht mehr alle Apostel – es sind gegen 400! – innerhalb kurzer Zeit zusammen!

Übrigens habe ich es schon einige Jahre vorher anklingen lassen, dass ich in den Ruhestand treten werde.


Frage: Wie sind Sie damit umgegangen?
Stammapostel i.R.: Ich habe mich mindestens zwei Jahre vorher innerlich und äußerlich darauf vorbereitet. An vielen Orten war ich zum ersten Mal und zum letzten Mal. Ich wollte keine Abschiedsgottesdienste mit Tränen. Und ich war Realist genug, dass ich wusste: Vor allem in Afrika, wo die Massen mir zu Tausenden an der Straße zujubelten sowie tanzten und sangen –.wenn mein Nachfolger kommt, dann jubeln sie dem zu, und du bist weg. Es ist ja schön, wenn sie Freude haben und stolz sind, neuapostolisch zu sein, aber ich muss mich damit abfinden: Das ist vorbei! Und da ich ja nie Ehre und Ansehen suchte oder Macht ausüben wollte, war das gar nicht so schwer für mich.

Das Schlimmste für mich im Ruhestand: Nachdem ich 30 Jahre lang volle Hallen und Kirchen gesehen hatte, muss ich nun Gottesdienste erleben, in denen nur ein Drittel der Kirche besetzt ist.


Frage: Was genießen Sie seither am meisten?
Stammapostel i.R.: Ich genieße am meisten, dass die Last und die Verantwortung weg sind. Ruhestand ist etwas sehr Schönes! Man sollte nur gesund sein. Das erste Jahr war herrlich, das zweite Jahr nicht: Ich hatte Operationen und Behandlungen – aber nun hoffe ich, dass das dritte Jahr wieder besser wird.

Nach wie vor bin ich eine Leseratte, und ich reise auch gerne, vorwiegend in Europa. Europa ist so schön; hier hat man genug zu sehen! Ich höre gerne Musik, wozu ich vorher kaum Zeit hatte. Und ich schaue mir gern einmal einen schönen Film an, vorwiegend zu Hause. Wenn ein berühmter Kinofilm kommt, dann lasse ich mir die DVD kommen. Bis jetzt ist mir noch keine Stunde langweilig geworden!


Frage: Wie häufig begleiten Sie Stammapostel Leber auf Reisen bzw. in die von ihm gehaltenen Gottesdienste?
Stammapostel i.R.: Eigentlich gar nicht so oft. Einige Einladungen musste ich absagen wegen meiner Operationen und aufgrund der Schmerzen, die ich hatte. Insgesamt bin ich etwa alle sechs bis acht Wochen in seinen Gottesdiensten. Ich treffe ihn außerdem noch manchmal in der Verwaltung von NAK International oder privat.


Frage: Wie sieht Ihre Unterstützung für Stammapostel Leber heute aus (neben Ihren Gebeten für ihn)?
Stammapostel i.R.: Ich unterstütze ihn zu 100 Prozent! Er ist ein großartiger Wortverkündiger und Stratege, das heißt, er behält die Geographie der Bezirke im Auge und verkleinert bzw.vergrößert sie. Wenn ich ihm einen Rat geben dürfte: Das Gottesdienstprogramm etwas kürzen! Das hat man mir schon gesagt, zu meiner Zeit. Wenn man das erste Vierteljahr seines Plans im neuen Jahr ansieht: Wenn in dieser Zeit drei Apostel sterben würden, dann müsste er die Trauerfeiern von Mitternacht bis um 2 Uhr morgens durchführen ...!

Wir sprechen viel miteinander, soweit es möglich ist. Er fragt mich auch mal zu diesem oder jenem Thema. Ich sage dann zu ihm: „Stammapostel, ich weiß, ich habe ja nichts mehr zusagen, aber ...“

 
 

4. Fragen zum Kirchenbezirk Karlsruhe

Frage: Welche Erinnerungen haben Sie speziell an den Kirchenbezirk Karlsruhe und Umgebung?
Stammapostel i.R.: Ich verbinde mit Karlsruhe und Umgebung das schöne, enge und freundschaftliche Verhältnis mit eurem Bezirkspostel im Ruhestand Klaus Saur. Da er ja ein halber Schweizer ist und wir miteinander Schwyzerdütsch sprechen, hatten wir schon in der Zeit, als ich Bischof und er Bezirksevangelist war, einen schönen Kontakt. Über all die Jahre hindurch hat sich dieser Kontakt vertieft.

Ich habe eurem heutigen Bezirksapostel und seiner Frau den Segen zur Hochzeit gespendet, die Hochzeit von Rüdiger [Saur] und seiner Frau gehalten sowie bei den Kindern der beiden die Heilige Versiegelung durchgeführt. Es ist eine enge Zusammengehörigkeit. Wenn ich Bezirksapostel Saur unverhofft eingeladen habe, drei Tage vor dem Anlass, etwa eine Reise nach Australien mit mir anzutreten, hat er wichtigste Termine abgesagt und ist gekommen. Das machte nicht jeder.

Der Verlag hat mich mal gefragt, ob wir so eine Art „Männerfreundschaft“ hätten. Ich habe gefragt: „Meint ihr, wie Winnetou und Old Shatterhand?“ Also, Blutsbrüderschaft haben wir nie geschlossen! Aber vielleicht kommt’s noch? (lacht)